Eichstätt (EK) Ob an Fasching, auf Hochzeiten oder zur Kirchweih: Die vielfältigsten Gelegenheiten gaben den Menschen schon vor 100 Jahren Anlass das Tanzbein zu schwingen, und das ist bis heute so geblieben. Die Tanzmusik selbst aber erlebte im Laufe des Jahrhunderts gravierende Veränderungen.
Der "Bananen-Schimmy" findet sich in den Noten des Eichstätter Musikanten und Schusters Josef Regler. Der dem
Foxtrott ähnelnde Shimmy ist bekannter unter dem Titel "Ausgerechnet Bananen". Weil oben der traditionelle
Rheinländer Bummel-Petrus zu sehen ist, illustriert die Seite das Nebeneinander von Alt und Neu perfekt.
Der Wandel von traditioneller Volksmusik hin zu moderner Tanzmusik ist das Thema der Reihe "Mittendrin", die zum gleichnamigen Volksmusiktag, der am 24. Juli in Eichstätt stattfindet, erscheint. Die wohl turbulenteste Entwicklung ist dabei in der Zeit zwischen 1900 und den 1950er Jahren zu bemerken. Während um 1900 noch klassische Volkstänze wie das "Hiatamadl" oder die Kreuzpolka das Repertoire der Musikgruppen prägten, hielt spätestens in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg moderne Tanzmusik Einzug.
Der Notennachlass des Stadtmusikanten Anton Bacherle bietet einen guten Überblick über die Volksmusik in Eichstätt um die Jahrhundertwende. Es finden sich neben den bereits erwähnten klassischen Volkstänzen viele Rheinländer – ein Tanz, der der Polka ähnelt – oder Zwiefache. Moderne Einflüsse finden sich lediglich über Stücke aus Operetten, die damals in Mode waren, wie das bekannte "Heinerle, Heinerle, hab kein Geld" aus Leo Falls "Der fidele Bauer".
Notenschriften aus den Jahren zwischen 1900 und 1910 aus Böhmfeld lassen sogar Rückschlüsse auf die Zeit vor der Jahrhundertwende zu. Neben damals sehr beliebten Stücken wie dem Landjägermarsch von Josef Rixner und dem Gruß an Eichstätt von Josef Schmid finden sich auch sehr seltene zweiteilige Schottisch – ein Tanz, der verwandt ist mit Polka und Rheinländer und nach Aussagen des ehemaligen Stadtkapellmeisters Hans Lutz in der Gegend um Eichstätt mit hohem Tempo gespielt wurde. Die zweiteilige Form ohne Trio, wie sie sich bei den Schottisch in Böhmfeld findet, ist ein Hinweis auf die Zeit vor 1900.
In den 1920er Jahren treten Kapellen aus dem Schuttertal in Erscheinung. In Egweil musizierten sechs Musikanten mit Es-Klarinette, Trompete, Tenorhorn, Es-Trompete, Basstrompete und Tuba – eine gängige Besetzung zu der Zeit. Die Kapelle hat weniger regionale Sachen gespielt, sondern eher Noten großer Verlage genutzt, die Tanzmusikhefte herausgegeben haben. "Der eine war Ackermann und Lesser, der andere Hofmann. Die Verlage gibt es beide nicht mehr, die sind im Krieg eingegangen", erklärt Musiklehrer Dominik Harrer, der sich mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt hat.
Interessant ist, dass die Egweiler die Noten nicht gekauft haben, sondern abgeschrieben haben, wahrscheinlich von ihrem Musiklehrer aus Neuburg. In Nassenfels gab es eine ähnliche Besetzung wie in Egweil. Auffallend ist, dass hier noch immer keine modernen Einflüsse zu finden sind, weder Tango noch Foxtrott, die langsam in Mode kamen. Die Stücke, die über klassische Volkstänze und Zwiefache hinausgehen, begrenzen sich auf Stücke aus Operetten.
1926 wurde die bekannte Eichstätter Kapelle Vogl gegründet. Ein Foto der Kapelle lässt auf ihre für die Zeit ungewöhnlich hohe Professionalität schließen. Mit Schlagzeug, Saxophon, Geige, Klavier, Kontrabass und Akkordeon stehen sie mit einer weitaus moderneren Besetzung in deutlichem Kontrast zu den traditionellen Kapellen aus dem Schuttertal. Das bedeutete auch hinsichtlich der Tanzmusik einen deutlichen Einschnitt.
Zu den traditionellen Volkstänzen kamen Tango, Foxtrott, Blues, One Step, Two Step und Charleston. Ein Bericht aus dem Jahre 1930 zum Eichstätter Volksfest dokumentiert das Nebeneinander von Alt und Neu: "Einmal wird modern getanzt, das andere Mal altmodisch, und das ist gut."
Die Noten des Eichstätter Musikanten und Schusters Josef Regler aus der Westenstraße bestätigen diesen Wandel. In einem 100 Seiten starken Heft aus den 30er Jahren finden sich viele regionale Stücke wie die Zwiefachen "Aba d Ochsn", "Hennalocka" und das "Pfeiferl", der "Schernfelder Walzer" und das "Rehragout", aber auch moderne Tänze wie der beliebte Two Step "Das haben die Mädchen so gerne", der "Bananen-Shimmy" und diverse One Steps und Tangos.
Von Blues und Jazz beeinflusste Musik trat erst nach dem zweiten Weltkrieg in Erscheinung. Während der Zeit des Nationalsozialismus war sie als "Negermusik" verpönt. Die Musikwissenschaft der Nazis diskreditierte Blues und Jazz als "künstlerische Zuchtlosigkeit" mit "unanständigen Tanzformen". Weil eine total gleichgeschaltete Musik aber utopisch war, waren zumindest Anleihen an den Swing gestattet, jedoch nie mit englischen Texten.
Mit dem Untergang des Dritten Reichs entledigten sich aber auch Jazz und Blues ihres Untergrunddaseins und beeinflussten die Musik nachhaltig. Die Tanzmusik ging danach ihren Weg kontinuierlich weiter, über Rock’n’Roll und Popkultur bis hin zur Musik des 21. Jahrhunderts.